Wie der Freiherr zum Wilhelm wurde

Posted on 11 Februar 2009 by andre

Ein gewisser Anonym* hat es geschafft mit einem kleinen Scherz aufzudecken, wie gutgläubig die Menschheit doch ist. Dabei hat er nicht nur mich, sondern auch zahlreiche Journalisten richtig schön hinters Licht geführt.

Abends auf dem Sofa haben wir noch gezählt und uns über elf Vornamen amüsiert, während Journalisten von Spiegel Online, der taz, der RP, der Süddeutschen Zeitung und viele weitere sie einfach kopiert haben. Ganz simpel, mit Strg+C.

Als abzusehen war, dass Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg das Amt des Wirtschaftsministers übernehmen sollte, hat besagter Anonym* auf der Wikipedia aus den “nur” zehn Vornamen des Freiherrn einfach elf gemacht. Zwischen Philipp und Franz hat er noch ein Wilhelm gesetzt. Nach dem Wikipediaprinzip hat ihn das sicherlich keine zwei Minuten gekostet.

Auf dem Bildblog gesteht er nun per Gastbeitrag seine Tat.

Was im ersten Moment noch witzig zu lesen ist, ist im zweiten Moment irgendwie erschreckend. Belege, dass Bild - sagen wir - relativ frei im Umgang mit Quellen ist, liefert Bildblog zuhauf. Das aber auch seriöse Medien (und da zähle ich Spiegel Online jetzt nicht zu) einfach aus Wikipedia kopieren ohne zu recherchieren ist bedenklich. Ein paar Vornamen sind jetzt kein Kapitalvergehen, aber im Kleinen fängt es bekanntlich an. Wer vermag schon zu sagen, was sonst so alles gutgläubig aus Wikipedia oder sonstwoher kopiert wird?

Paradox finde ich, dass der Selbstkontrollmechanismus  der Wikipedia den Namen kurzzeitig wieder rausgestrichen hat, er aber dank der vielen Medienbelege wieder eingefügt werden durfte.
So baut man sich seine Wahrheit selber.

Gegner von Wikipedia und Menschen, die den Untergang des Qualitätsjournalismus prophezeien, wird auf jeden Fall wieder (ein bisschen) Wasser auf die Mühle gegossen.

Was wohl der Karl-Theodor gedacht hat, als er das erste Medienclipping als Wirtschaftsminister auf seinem Tisch hatte?

*) Name dem Bildblog bekannt

6 Comments For This Post

  1. Alexander Langer Says:

    Hat natürlich auch ein wenig damit zu tun, dass man seine Quellen prüfen muss. Zumindest muss es mal stutzig machen, wenn man bei einem sehr aktuellen Thema auf Wikipedia zeitnah von “Nobodys” Änderungen findet. Die entsprechenden Protokolle sind ja für jeden frei zugänglich.

  2. Mr.Plow Says:

    sehr guter punkt und unheimlich peinlich für journalisten und wikipedia gleichermaßen… ich rieche die medien- und internetschelte schon um die ecke kommen.

    aber war früher wirklich alles besser?!

    ich bin der sache mal nachgegangen ;)

  3. Alexander Langer Says:

    Für Wikipedia finde ich das nicht peinlich. Ein jedes Tool ist eben nur so gut wie der, der es bedient. Wer das Prinzip nicht versteht, sollte nicht ungeprüft Inhalte übernehmen.

  4. andre Says:

    Vielleicht bekommen wir es ja irgendwann mal hin, dass Wikipedia vernünftig mit Quellen hinterlegt wird.

  5. Alexander Langer Says:

    Lies dir mal die Richtlinien durch. Wer Inhalte einstellt / ändert ist angehalten auch seine Quellen anzugeben. Nur was bringts wenn der Tontillon vom Spiegel diese nicht nachprüft?

  6. andre Says:

    Du sagst es ja selbst “ist angehalten”. Das bedeutet aber nicht, dass man es auch machen muss - wäre vermutlich auch der Tod der Wikipedia.

    Wir haben es seinerzeit im Studium mal rausgefunden. Die englische Wikipedia hat eine viel höhere Dichte an Quellenangaben und ist damit teilweise sogar über Ecken zitierfähig.
    Die deutsche hat da eindeutig nachholbedarf.

    Ändert im Ganzen aber nichts an der Tatsache, dass Journalisten da nicht einfach rauskopieren sollten.

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