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Jazz Night 2007 – Konzerthaus Dortmund

Posted on 07 November 2007 by andre

Anfang August habe ich mich mal wieder über aktuelle Konzerte informiert und wurde im Konzerthaus Dortmund fündig. Zwar findet man hier hauptsächlich klassisches Programm, gerade in den letzten Jahren versuchen die Intendanten allerdings auch vermehrt junges Publikum ins Konzerthaus zu locken.

Ich war ziemlich überrascht. Mit Christina Stürmer unplugged, Die Happy, Wise Guys und Co. wurde ein Aboprogramm mit dem Titel “Pop mich!” angeboten.

Als ich mich dafür interessiert habe bin ich fast vom Hocker gefallen. Ich habe nämlich zufällig das Programm „Deutsche Börse Jazz Nights 2007“ entdeckt. Nils Landgren Funk Unit, Wolfgang Haffner & friends, Al Jarreau mit der NDR Big Band, Lyambiko…. Wahnsinn!

Für das Konzertprogramm mit Nils Landgren Funk Unit und für die Wise Guys habe ich mir sofort Karten bestellt.

Von der Akustik im Konzerthaus, die zu einen der besten der Welt zählt, hatte ich schon viel gehört und ich war gespannt, was Nils Landgren und seine Funk Unit daraus machen werde.

Am Freitag (19. Oktober) war es dann soweit und ich muss zugeben, dass ich ein wenig skeptisch geworden bin. Von Nils Landgren kannte ich die Platte „Funky Abba“ und “Paint it Blue”. Beides Meisterwerke, keine Frage. Aber ob man so was ein ganzes Konzertprogramm aushalten kann? Im Internet habe ich mich vorher schon informiert und rausgefunden, dass Nils Landgren neben Funk auch Rock, Pop, Soul, Hip Hop mit in seine Programme aufnimmt. Soweit kein Problem, aber der 51 Jahre alte Schwede hat leider keine Berührungsängste und interpretiert auch schwedische Volksweisen neu. Ob mir das wohl zusagen wird?

Am Mittag vor dem Konzert habe ich schnell die neue Ankündigung auf der Seite vom Konzerthaus Dortmund durchgelesen und wurde in meinen Zweifel noch bestärkt: „Viel Raum für Improvisation“ kann positiv, aber auch sehr, sehr negativ ausgelegt werden. Große Angst, dass sich irgendein durchgedrehter Trompeter fünf Minuten mit Kamikaze-Soli durch die Gegend quält, machte sich in mir breit. Also fuhr ich mit dem Vorsatz ins Konzerthaus: Wenns scheiße wird, dann hauen wir eben nach dem ersten Set ab!

Im Konzerthaus angekommen war ich sehr von dem Publikum überrascht. Wir waren zwar mit die Jüngsten, aber scheinbar hat es neben uns eine ganze Menge junger Leute mehr ins Konzerthaus gelockt. Alternative hat man genauso gesehen, wie die typische „Jazzoma“ aus dem Henkelmann. Natürlich fehlten auch die Spießer nicht, die sich zu Deutschlands Elite zählen, weil sie regelmäßig in Konzerte gehen, sich teure Pelzmäntel anziehen und sich 2cm dicke Schminkschichten ins Gesicht klatschen.

Mir war von Anfang an klar, dass solche Leute heute auf jeden Fall nicht auf ihre Kosten kommen würden und ich erwartete, dass von dieser Gruppe nach der Pause keine 10% mehr im Konzerthaus sein würden. Nils Landgren ist zwar einer der Bekanntesten in seinem Metier, aber das sind so Leute wie Eminem auch und mit denen kann sich auch nicht jeder anfreunden.

Genug drumrum geredet. Um 19:50 Uhr nahmen wir auf unseren Plätzen (Reihe 21, genau in der Mitte) platz. Während der Sets konnten wir auf jeden Fall nicht abhaun. Mist! Sich nur Wolfgang Haffner anzugucken rettet sicher nicht über eine Stunde nervige Musik….aus Angst wurde Panik.

Die Bühne war recht schlicht eingerichtet, aber das war ja auch nicht anders zu erwarten. Immerhin können Musiker ja mit ihrer Musik überzeugen und müssen nicht, wie die Bloodhound Gang oder Britney mit aufwendigen Bühnenshows von ihrer musikalischen Grütze und ihrem schlechten Playback ablenken.

Auf der Bühne stand: Ein Schlagzeug, ein Bass, ne Gitarre, ein E-bass, eine Hammond-Orgel mit nem Synth drauf, ein Flügel, sowie diverse Gesangsmikros.

Was mich zu diesem Zeitpunkt noch gewundert hat, war ein zweites Schlagzeug, welches durch den Flügel verdeckt wurde.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Bühne zum zweiten Set umgebaut wird.

Dann kam der Knaller! Pünktlich um 20 Uhr kam ein Trio auf die Bühne.

Ein Trio? Wofür sind die ganzen anderen Instrumente? Sollte die großartige Funk Unit etwa gar nicht da sein?

Auf die Bühne kamen Wolfgang Haffner (drums), Lars Danielsson (bass) und Hubert Nuss (Flügel). Zack. Das wars. Kein Nils Landgren, keine Funk Unit. (Außer natürlich Haffner)

Die Drei legten auch ohne große Vorreden los. Wie langsam Wolfgang Haffner das erste Lied anzählte wunderte mich stark. Wenn das mehr als 60 bpm waren, fress ich n Besen! Die Musik, die das Trio aus ihren Instrumenten zauberten faszinierte allerdings nicht nur mich, sondern das gesamte, fast ausverkaufte Konzerthaus. Zwar waren die ersten Stücke mit langen Intros und recht langsamem Beat keine „Funkknaller“ aber trotzdem wahnsinnig abwechslungsreich und es war einfach spannend zuzuhören. Keine freakigen Soli, kein abgespackter Free Jazz. Nein! Melodiös, ruhig, entspannend, meditativ.

Haffner faszinierte mich auf ganzer Linie! Worauf der überall mit was rumgetrommelt hat verdient einfach Respekt. Anfänglich nur Besen, im weiteren Verlauf noch alle anderen Arten von Stöcken. Er trommelte auf den Rändern der Trommel, mit dem Halteende der Stöcke, auf den Becken, unter den Becken, am Rand der Becken. Alles, was ich nur als “kleine Effekte” kenne setzte Haffner regelmäßig ein. Wie er damit seinen Klang variiert hat überrascht mich immer noch.

Nach dem zweiten Lied war immer noch kein Nils Landgren in Sicht und ich schnappte mir mal das Programm. Genau zu diesem Zeitpunkt schnappte sich Haffner das Mikro und erklärte, er würde im ersten Set mit seiner Wunschformation sein auf DVD & CD erschienenes Programm Acoustic Shapes spielen. Aha. Landgren also erst im zweiten Set. Hätte man sich vorher ja auch besser informieren können. Stand schließlich dann auch im Programm…

Im weiteren Verlauf überzeugte der Schwede Danielsson am Bass sowohl in Soli, als abgestimmter Hintergrundmusiker für Pianomelodie oder als Lead. Ein Bass, der Melodie spielt? Ganz recht! Traumhaft! Ob zupfend oder streichen schaffte Danielsson es die unterschiedlichsten Fassetten in die Musik zu bringen. An einer Stelle wurde ich sogar an Nightwish erinnert, die ja auch gerne Streicher an markanten Positionen einsetzen.

Hubert Nuss am Piano spielte auch einen soliden Part, war aber in seinen Auftritten eher zurückhalten solide. Während Haffner manchmal für meinen Geschmack zu lange, aber dennoch brilliante Soli spielte, fielen die von Nuss eher kurz aus. Zu jedem Zeitpunkt brillierte er jedoch durch technische Perfektion und blitzschnelle Finger.

Das weitere Konzertprogramm von Wolfgang Haffner & friends verging wie im Flug.

Nach anfänglichen ruhigen Stücken rockte das Trio das Konzerthaus auf begeisternde Weise. Fast jedes Stück ging länger als 6 Minuten, aber das war völlig egal.

Höhepunkt des ersten Sets war, als Haffner anfing mit kleinen Gummihämmern, also dem Kinderspielzeug was immer quietscht wenn man damit hämmert, das Schlagzeug leise zu bearbeiten. Was anfänglich wie ein Witz wirkte, entwickelte sich schnell zu einem interessanten Klangerlebnis.

Ein weiteres Highlight war sicherlicht der Spaß, den die Musiker auf der Bühne hatten. Wenn Haffner noch mal ein paar extra Takte anzeigte und er immer wieder versuchte Danielsson und Nuss ins Leere laufen zu lassen.

Nach 50 Minuten, zum letzten Stück kam er dann auf die Bühne. Nils Landgren. Völlig unscheinbar. Schwarze Hose, weißes Hemd, Posaune. Peng. Hier passte die typische Aussage, wenn man mal eine Berühmtheit, eine Ikone sieht: Irgendwie hatte ich mir den jetzt größer vorgestellt.

Also nicht körperlich größer aber irgendwie… mehr halt.

Das letzte Stück war auch gerade so gar nicht Funky. Ein Vorgeschmack auf den zweiten Teil? Einmaliger Sound. Keine Frage. Eher ruhig, mittendrin auch ein wenig Swing aber eben nichts, was ich von Nils Landgren kannte.

Das war mir egal. Ich hab es einfach genossen und freute mich auf das, was mich nach der Pause erwarten würde. Interessant übrigens, wie der Chef der Funk Unit ganz unbekümmert unter Haffners Regie spielte. Sowas gibt´s wohl nur bei Musikern.

In der Pause drehten wir eine kleine runde im Konzerthaus und bewunderten den kleinen CD Laden und die gesamte Architektur und ich freute mich narrisch auf das zweite Set.

Zweites Set, zweite Band. Jetzt endlich kam die Funk Unit auf die Bühne.
Ray Parker Junior an der Gitarre, übrigens der Komponist der Ghoustbusters Titelmelodie, Magnum Coltrane Price am E-Bass, Magnus Lindgren am Tenorsaxophon und an der Flöte, Lillo Scrimali an den Keyboars (irgendwie sah der auf der Bühne anders aus) und natürlich Wolfgang Haffner an den Drums und Nils Landgren an der Posaune. Letzterer in einem schwarzen Anzug mit einem langen weißen Schal. Sehr cool!

Wer jetzt erwartet hat, dass es so ruhig weitergeht wie im ersten Teil konnte sich nicht mehr geirrt haben.

Schon das erste Stück der Licence to Funk Platte versprach Spaß bis zum Ende. Bis zum Anschlag aufgedrehte Boxen donnerten die Funkmusik durch das Konzerthaus. Was mich am meisten gewundert hat, ist, dass wirklich jeder zum Rhythmus mitgewippt hat. Egal ob Jung oder Alt, alle sind sie dem Meister des Funks verfallen.

Landgren begeisterte nicht nur an der Posaune, sonder auch beim Gesang genauso, wie Price und Parker. Haffner bliebt im Vergleich zum ersten Satz ziemlich im Hintergrund. Brilliant gespielt, aber im zweiten Set können ja nicht alle in der ersten Reihe stehen.
Price, der eher wie ein kleiner Hip Hopper aussah startete mit dem Song “House Party” einen seiner zahlreichen Gesangsparts. Scrimali blieb, wie Nuss am Anfang, ebenfalls im Hintergrund und hatte nur bei einem Stück, wo er mit Landgren alleine auf der Bühne stand, seinen großen Moment. Alles in allem blieb er für meinen Geschmack auch ein bisschen desinteressiert im Vergleich zu den anderen ging er nicht wirklich mit.

Das Programm baute sich von Stück zu Stück immer weiter auf und als Landgren zum Mikro griff war ich erneut überrascht. Neben schwedisch spricht er noch fließend englisch und deutsch. Schon interessant. Landgren grinste ins Publikum und sagte, dass es schade sei, dass es hier keine Tanzhalle ist sondern ein Konzerthaus. Aber er erinnert sich nicht, dass es ein Spontantanzverbot in Deutschland gibt. Er hätte es nicht besser auf den Punkt bringen können. Schon beim nächsten Lied stand das ganze Konzerthaus und alles tanzte.
Die Funk Unit hat gerade einmal 15 Minuten gespielt und - zack - alles stand. 1500 Leute. Die jungen gingen natürlich richtig mit, aber auch der 80 jährige Opi auf dem Balkon (Kommentar meiner Freundin: “So hat der auch unter Hitler getanzt”) ging ab, genauso, wie die streng aussehende ältere Dame auf dem Balkon, die beim Tanzen aussah, als würde sie etwas verdammt unanständiges tun. Naja, genaugenommen standen nur 1497 Personen. Drei Spießer vor mir blieben sitzen, verschränkten die Arme und guckten die restliche Zeit die Rücken ihrer Vorderleute an. Ein Spaß auf ganzer Linie!

Lustig zu sehen ist übrigens, wie grobmotorisch manche Menschen sind.
Nach rund zwei weitern Stücken stand immer noch (fast) alles, allerdings hat es mittlerweile rund 300 Tänzer vor die Bühne gezogen. Und was macht Landgren? Er legt die Posaune weg, steigt von der Bühne und tanzt erstmal ein bisschen mit. Zwischendrin durfte das Publikum auch ein bisschen singen. Das ganze war so genial, dass ich genaue Details gar nicht mehr beschreiben kann. Ich weiß nur noch, dass Landgren zweimal zur Zugabe rausgerufen wurde und das die drei Miesepeter vor mir beim letzten regulären Stück aufsprangen und gehen konnten. Gott was müssen die einen schönen Abend gehabt haben. Ich hatte ihn auf jeden Fall!

Alles in allem ein wahnsinnig genialer Abend! Leider war die Schlange zum Autogramme holen so lang, dass ich es irgendwann aufgegeben habe. Aber die Funk Unit kommt bestimmt nochmal in die Region, dann bin ich auf jeden Fall wieder dabei.

Die CD habe ich mir noch am Abend bestellt.

Nun stellt sich mir doch noch die Frage, ob man sich in Kürze Al Jarreau oder Lyambiko geben soll….

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